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Artikeltyp:Product StoryDr. Kiri Trier

„Zeit ist unsere größte Herausforderung“

Veröffentlicht am 22.04.2024Lesedauer: 7 Minuten

Dr. Kiri Trier verantwortet als Sustainability General Managerin für die L‘Oréal Gruppe in der DACH-Region alle Nachhaltigkeitsinitiativen des Unternehmens. Im Interview erklärt sie, wie diese aussehen, was sie konkret bringen und warum es beim Kampf gegen die Klimakrise kein die anderen, sondern nur ein Wir geben kann.

Dr. Kiri Trier leitet die Nachhaltigkeitstransformation von L‘Oréal
Dr. Kiri Trier leitet die Nachhaltigkeitstransformation von L‘Oréal
Quelle: L‘Oréal

Das Wort nachhaltig begegnet uns im Alltag mittlerweile fast überall und wird von Verbraucherinnen und Verbrauchern laut Forbes-Bericht immer stärker eingefordert. Das Interesse an einem ökologischen und sozial verantwortlichen Konsum wächst also nachweislich – auch bei Kosmetikprodukten. Aber wie grün ist die Kosmetikbranche eigentlich? Dr. Kiri Trier ist Sustainability General Managerin bei L‘Oréal. Sie verantwortet beim größten Kosmetikhersteller der Welt mit 37 internationalen Marken und 41 Milliarden Euro Umsatz in 2023 alle Nachhaltigkeitsinitiativen in der DACH-Region. Mit ihr sprechen wir über die grüne Transformation des Unternehmens und darüber, dass kein noch so kleiner Schritt zu klein ist. 

Frage: L‘Oréal, der größte Kosmetikhersteller der Welt, und das Thema Nachhaltigkeit – passt das überhaupt zusammen?

Dr. Kiri Trier: Und wie das zusammenpasst! Wir stehen als Unternehmen nicht nur in einer gesellschaftlichen Pflicht, sondern wollen hier auch aktiv eine Vorreiterrolle einnehmen, wollen Nachhaltigkeit für alle sichtbarer machen und haben deshalb unter anderem das Programm L‘Oréal For The Future ins Leben gerufen. 

Frage: Und dieses Programm steht wofür? 

Dr. Kiri Trier: Es steht für den nachhaltigen Wandel, den wir uns bei L‘Oréal bis 2030 vorgenommen haben, und umfasst zunächst ganz grob drei Punkte. Erstens: die Verringerung unserer Auswirkungen auf Klima, Wasser, Biodiversität und Ressourcen. Zweitens: die Ermutigung unserer Partnerinnen und Partner, unserer Verbraucherinnen und Verbraucher sowie unserer Branche insgesamt, sich für den Wandel einzusetzen. Und drittens: unser Beitrag zur Lösung der ökologischen und sozialen Herausforderungen, vor denen die Welt steht. Mit L‘Oréal For The Future wollen wir ein Katalysator des Wandels in der Schönheitsbranche sein – aber auch darüber hinaus. 

Frage: Manch einer, manch eine wird jetzt denken – alles klar, klingt ja super, aber am Ende ist es doch wieder nur Greenwashing. Was entgegnen Sie? 

Dr. Kiri Trier: Also erst einmal kann ich durchaus verstehen, dass das Nachhaltigkeitsengagement von Unternehmen kritisch hinterfragt wird. Das ist auch gut so. Wir bei L‘Oréal setzen vor allem darauf, dass das Ganze wissenschaftsbasiert und auch messbar ist – intern, aber auch extern. Die L‘Oréal Gruppe wurde so 2024 beispielsweise als einziges Unternehmen weltweit zum achten Mal in Folge mit einem Triple-A-Rating in den Kategorien Klimaschutz, Wassermanagement und Schutz der Wälder durch das Carbon Disclosure Projekt (CPD) ausgezeichnet. CPD ist eine Non-Profit-Plattform, die weltweit umweltbezogene Daten misst und veröffentlicht. Und 2024 haben wir den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für unsere umfangreichen Bemühungen entlang unserer Wertschöpfungskette erhalten. 

Frage: Sie haben eben das Thema Messbarkeit angesprochen. Was haben Sie da bei L‘Oréal konkret vorzuweisen? 

Dr. Kiri Trier: Einiges, wie ich finde. 85 Prozent des für Verpackungen verwendeten PET-Plastiks in der L‘Oréal Gruppe stammten 2023 zum Beispiel aus recyceltem Material, und 65 Prozent der Inhaltsstoffe unserer Produkte waren in demselbem Jahr biobasiert oder aus reichlich vorhandenen Mineralien. Unser Ziel: Bis 2030 wollen wir hier bei 95 Prozent stehen. Und schon fünf Jahre zuvor werden wir unsere Standorte hundertprozentig mit erneuerbaren Energien versorgen. Aktuell sind wir weltweit bei 91 Prozent, unsere deutschen Standorte nutzen bereits seit 2019 bis zu 100 Prozent erneuerbare Energie. 

Frage: Wo müssen wir als Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit jetzt endlich vorankommen? 

Dr. Kiri Trier: Beim Selbst-Verantwortung-Übernehmen. Wir sollten nicht annehmen, dass wir machtlos sind. Das Thema betrifft jede und jeden von uns. Deshalb müssen auch alle gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das 1,5-Grad-Ziel erreicht nicht einer allein, sondern das erreichen nur wir alle zusammen. Jeder kann seinen Beitrag in den Bereichen Umwelt und Soziales leisten und sein Verhalten langfristig nachhaltig verändern und nicht nur auf die anderen setzen. 

L‘Oréal unterzieht seit Jahren alle seine Produkte einer kompletten Lebenszyklus-Analyse
L‘Oréal unterzieht seit Jahren alle seine Produkte einer kompletten Lebenszyklus-Analyse
Quelle: L‘Oréal

Frage: Und wo ist aus Ihrer Sicht Nachhaltigkeit besonders herausfordernd? 

Dr. Kiri Trier: Zeit ist unsere größte Herausforderung, dabei haben wir im Grunde keine Zeit mehr. Das vergangene Jahr war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Wir müssen das Thema Nachhaltigkeit deshalb jetzt unbedingt priorisieren und in neuen Ökosystemen denken – entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Deshalb unterzieht L‘Oréal seit Jahren alle seine Produkte einer kompletten Lebenszyklus-Analyse. Durch einen solchen Ansatz bekommt man ein genaues Verständnis davon, wo der Hebel ist, mit dem man Produkte mit Blick auf ihren Umweltfußabdruck verbessern kann oder sie gar ersetzt. 

Frage: Wasserverbrauch ist nachweislich eine der größten Umweltauswirkungen der Kosmetikindustrie. Was tut L‘Oréal dagegen? 

Dr. Kiri Trier: Das Thema beschäftigt uns bei L‘Oréal intensiv. Im Rahmen von L‘Oréal For The Future haben wir einen internen Standard festgelegt für die Qualität der Industrieabwässer, die die Standorte verlassen und dann leichter wieder aufbereitet werden können. Der gilt ab 2030 für all unsere Standorte. Ende 2023 erfüllten ihn bereit 22 und damit 59 Prozent unserer Fabriken. Außerdem setzten wir auf Wasserspar- und Wasserrecyclingmaßnahmen. 

In Karlsruhe, wo in einer unserer größten Fabriken täglichein mehr als eine Million Produkte verschiedener L‘Oréal-Marken hergestellt werden, konnten wir so den Frischwasserverbrauch zwischen 2005 und 2022 um 47 Prozent senken. Derzeit werden die Wasserrecyclingkapazitäten ausgebaut, um diese bis 2025 auf jährlich knapp 65 Millionen Liter Wasser zu verdoppeln. Und wir haben uns auch Kooperationspartner bei dem Thema gesucht 

Frage: Können Sie das näher erläutern? 

Dr. Kiri Trier: Gern. Gemeinsam mit dem Schweizer Start-up Gjosa haben wir den sogenannten Water Saver entwickelt. Das ist ein Duschkopf für professionelle Friseursalons, der aufgrund seiner speziellen Technik den Wasserverbrauch in einem Salon um bis zu 69 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Duschköpfen senkt. Die Folge: Seit der Einführung des Water Savers konnten allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als 35 Millionen Liter Wasser eingespart werden. 

Frage: Haben Sie das Gefühl, dass das Thema Nachhaltigkeit auch bei Ihren Kundinnen und Kunden an Bedeutung gewinnt? 

L’Oréal und das Umwelt-Start-up Gjosa haben eine Technologie entwichelt, die das Ausspülen von Shampoo mit fünfmal weniger Wasser ermöglicht
L’Oréal und das Umwelt-Start-up Gjosa haben eine Technologie entwichelt, die das Ausspülen von Shampoo mit fünfmal weniger Wasser ermöglicht
Quelle: L’Oréal

Dr. Kiri Trier: Definitiv. Konsumentinnen und Konsumenten treffen ihre Kaufentscheidungen mehr und mehr unter Nachhaltigkeitsaspekten. Als Hersteller möchten wir deshalb nicht nur nachhaltigere Produktverpackungen anbieten, sondern auch dafür sorgen, dass sie bewusst gekauft werden. Wir wollen unsere Kundinnen und Kunden also in die Lage versetzen, die Auswirkungen der von ihnen gekauften Produkte zu beurteilen und so bewusst zu nachhaltigeren Produkten greifen zu können. 

Frage: Wie sieht das konkret aus? 

Dr. Kiri Trier: Mein persönliches Ziel ist es, unsere Konsumentinnen und Konsumenten zu unterstützen, bewusster zu konsumieren, und sie einzuladen, im Alltag nachhaltiger zu werden – zum Beispiel über unsere nachfüllbaren Shampoos und Parfüms oder unsere festen Shampoos. Das sind jetzt nur drei Beispiele dafür, wie wir täglich Wasser, Energie und andere wertvolle Rohstoffe und natürlich auch ganz konkret CO2 und Verpackung sparen können. 

Nachhaltigkeit lebt nicht allein von der großen Geste, sondern von kontinuierlicher Veränderung. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Trend, sondern die Verantwortung aller. Ich kann mit einer Dusche 36 oder 120 Liter warmes Wasser verbrauchen – je nachdem, ob ich drei oder zehn Minuten unter der Dusche stehe. 

Verpackungen sind eine wichtige Stell­schraube für L’Oréal beim Thema Nachhaltigkeit
Verpackungen sind eine wichtige Stell­schraube für L’Oréal beim Thema Nachhaltigkeit
Quelle: L‘Oréal

Frage: Und wie sieht es bei Ihnen privat beim Thema Nachhaltigkeit aus? 

Dr. Kiri Trier: Ich bin selbst überzeugt davon, dass jeder Schritt zählt. Jede Alltagsentscheidung kann auch eine Entscheidung für Klima, Umwelt oder eine gerechte Gesellschaft sein. Ich bin mit einem großen Bewusstsein für Nachhaltigkeit aufgewachsen und habe mich seit meiner Jugend aktiv dafür engagiert. Auch heute setze ich mich neben meinem Job für Aufklärung und ein größeres gesamtgesellschaftliches Bewusstsein ein. Das mache ich zum Beispiel in meiner Funktion als Dozentin an den Hochschulen in St. Gallen für Nachhaltigkeitsmanagement und in München oder im Beirat der digitalen Bildungsplattform Startup Teens und im Supervisory Board eines ESG-Management-Start-ups.

Frage: Was tun Sie, damit Ihr persönlicher ökologischer Fußabdruck kleiner wird? 

Dr. Kiri Trier: Ich fahre in München in der Regel bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad und bin ein großer Fan von Reparaturservices, statt neu zu kaufen. Auch beim Thema Mode setzte ich auf Nachhaltigkeit.